Naturheilkunde: Das Beste aus beiden Welten

Integrative Medizin und Prävention mit universitärem Anspruch

Christian S. Keßler ist Professor für Integrative Gesundheitsversorgung und Prävention und leitet die Hochschulambulanz für Umweltmedizin, Naturheilkunde und Integrative Gesundheit am Institut für Umweltmedizin unter der Leitung von Prof. Claudia Traidl-Hoffmann. Für die traditionelle indische Medizin wünscht er sich mehr Offenheit vonseiten der konventionellen Medizin.

Die einen schwören auf sie, von anderen wird sie – trotz 2000 Jahren Praxiserfahrung und zunehmender Evidenz – immer noch belächelt: Die traditionelle indische Heilkunst, auch Ayurveda genannt. Ayurveda ist Sanskrit und bedeutet wörtlich ‚Wissen vom Leben‘. In Indien selbst, aber auch Sri Lanka und Nepal existiert die ayurvedische Medizin staatlich reguliert neben der konventionellen Medizin und ist in vielen Bereichen universitätsmedizinisch akademisiert. Christian Keßler beschäftigt sich seit über 20 Jahren wissenschaftlich mit der indischen Naturheilkunde. Der 48-Jährige hat im November vergangenen Jahres die Leitung der Ambulanz für Umweltmedizin und Integrative Gesundheit übernommen.

„In der gesundheitswissenschaftlichen Welt des Westens, die lange auf streng biomechanischen Denkmodellen basierte, hatten es biopsychosoziale und ganzheitliche Strömungen traditionell schwer und führten jahrzehntelang ein Randdasein“, erklärt er. „Aber zum Beispiel mit Hildegard von Bingen oder Sebastian Kneipp gab es auch bei uns frühe Verfechter der Naturheilkunde und Klostermedizin, die aufgrund ihrer praktischen Erfolge von vielen Menschen geachtet wurden und deren Erkenntnisse bis heute vielfach im Feld sind.“ Aber vieles ändere sich gerade an den festgefahrenen Argumenten auf beiden Seiten. „Die konventionelle Medizin öffnet sich mehr und mehr der traditionellen Medizin, vor allem dann, wenn es gute Evidenz und Wirksamkeitsnachweise gibt. Und auch die die globale Naturheilkunde wird zunehmend zugänglicher für evidenzbasierte Modelle und selbstreflektiver hinsichtlich der Notwendigkeit von Wissenschaft, Forschung, Sicherheit und Qualität.“ Am meisten profitierten Patientinnen und Patienten, wenn evidenzbasierte Therapien aus der Naturheilkunde die konventionelle Medizin punktuell ergänzen, wenn dies klinisch sinnvoll erscheint und die Datenlage gut ist – im Sinne einer integrativen Gesundheitsversorgung „So bekommen wir das Beste aus beiden Welten.“

 

Prof. Christian S. Keßler, Leiter der Integrativen Gesundheitsversorgung und Prävention, mit Prof. Claudia Traidl-Hoffmann, Leiterin des Instituts für Umweltmedizin.

Und was genau bedeutet Traditionelle Indische Medizin (TIM) nun eigentlich? „Zentrale Elemente des Ayurveda sind z.B. Pflanzenheilkunde, Yoga-Therapie und Achtsamkeitsverfahren, Ernährungsmedizin, äußere Anwendungen und Massagetherapien sowie die sog. Ausleitungsverfahren“ erläutert Keßler. Auf Basis der aktuellen Evidenzlage sei Ayurveda z.B. bei degenerativen Erkrankungen des Bewegungsapparates interessant, zum Beispiel bei der Kniegelenksarthrose, hierzu habe seine alte Arbeitsgruppe an der Charité eine vom indischen Gesundheitsministerium unterstütze RCT-Studie durchgeführt und publiziert. „Therapeutisch gehört auch vieles mit dazu, was mit gesunder Lebensführung zu tun hat wie Schlafhygiene, rhythmische Lebensführung, Stressreduktion und andere lebensstilmedizinische Therapiebausteine.“ 

Länger gesund leben - ein alter Wunsch trifft auf neue Forschung

Der Longevity-Trend sei so ein Beispiel dafür, wie tief der Wunsch in uns Menschen verankert ist, bei guter Gesundheit möglichst lange zu leben. „Im Grunde ein neuer Name für eine sehr alte Disziplin, die auch in den globalen Naturheilkundesystemen schon seit langem existiert und im Ayurveda ‚Rasayana‘ heisst, eine ayurvedische Disziplin zur Regeneration und Stärkung von Körper und Geist. Dazu gehören auch regelmäßige körperliche Aktivität, eine ethische Lebensführung, konsequente Stressreduktion und der Versuch, mehr Sinnhaftigkeit und Verbundenheit im eigenen Leben zu etablieren.“

Für eine breitere Akzeptanz naturheilkundlicher Verfahren in der Hochschulmedizin brauche es aus Sicht von Keßler deutlich mehr gut geplante klinische und grundlagenwissenschaftliche Studien, um über entsprechende Wirksamkeitsnachweise die Grundlage für ein besserer Verständnis traditioneller Medizinsysteme zu schaffen, denn viele Fragen seien zumindest aus Sicht der evidenzbasierten Medizin noch unbeantwortet.

Zwischen Medizin, Indologie und Achtsamkeit - ein ungewöhnlicher Weg zur integrativen Medizin

Keßler selbst, der vor wenigen Wochen den Forschungspreis einer renommierten ayurvedischen indischen Klinik in Empfang genommen hatte, lebt seit über 30 Jahren vegetarisch, meditiert häufig und räumt dem Thema Achtsamkeit sowohl bei der Arbeit als auch zuhause regelmäßig Raum ein. Nach seinem Medizinstudium in Hannover schloss er zusätzlich ein Indologie-Studium in Göttingen ab. Das S. in seinem Namen steht übrigens für Sumith – den Zweitnamen gaben ihm die Eltern in herzlicher Erinnerung an einen guten Freund aus Sri Lanka. Sumith heißt guter Freund…

 

Die Konverntionelle Medizin öffnet sich mehr und mehr der traditionellen Medizin.
Prof. Dr. Christian S. Keßler

Dieser Artikel ist ein Teil unserer Publikation “Älter werden".
Weitere Stories finden Sie im  PDF Themen-Special ab Seite 30.