Mensch & Moderne Medizin

Endlich wieder Ruhe da oben!

Die Kopfschmerzsprechstunde für Kinder und Jugendliche am Universitätsklinikum Augsburg bietet Abklärung und Therapie.

Er pocht, zieht oder sticht, verteilt sich hinter Stirn oder Augen, im Nacken oder an den Schläfen – Kopfschmerz tritt unterschiedlich auf und kann die Lebensqualität empfindlich einschränken. Auch und gerade bei jungen Menschen. Die Zahlen sind alarmierend: Mehr als jeder vierte Jugendliche leidet mindestens einmal im Monat darunter. 

Mira ist 11 Jahre alt und gerade aufs Gymnasium gekommen, als das unangenehme Pochen hinter den Augen beginnt. Robert, 13 Jahre, der in jeder freien Minute vor seiner Spielekonsole sitzt, klagt oft über Kopfschmerzen und ist gereizt. Anna, 16 Jahre, hat immer Kopfschmerzen während der Menstruation. Drei unterschiedliche, aber im Kern ähnliche Leidensgeschichten, wie sie, laut Cordula Henrichs, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Oberärztin der Kinderneurologie an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Augsburger Uniklinikum, „die meisten unserer jungen Patientinnen und Patienten in unserer Kopfschmerzsprechstunde erzählen können“. 

Denn Kopfschmerzen betreffen nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder und Jugendliche. Eine bundesweite Studie, in der junge Menschen zwischen 10 und 18 Jahren angegeben haben, wie häufig sie in den letzten drei Monaten Kopfschmerzen hatten, ergab: 33 Prozent der 12- bis 15-Jährigen haben mindestens einmal pro Woche Kopfweh, jeder Vierte, 27 Prozent, einmal im Monat. Mit fortschreitendem Alter wächst das Risiko deutlich an. Sind in der fünften Klasse noch 15 Prozent der Kinder betroffen, liegen die Zehntklässler schon bei 41 Prozent. 

„Und die Tendenz ist steigend,“ beobachtet Cordula Henrichs. Warum das so ist, ist noch nicht vollständig geklärt. Meistens treten bei Kinder und Jugendlichen Spannungskopfschmerzen auf, am zweithäufigsten lautet der Befund Migräne (s. Kasten). In der wöchentlichen Kopfschmerzambulanz für Kinder und Jugendliche am UKA, die jeden Mittwoch nach vorheriger Anmeldung angeboten wird, geht es zunächst darum, „die Kopfschmerzen richtig einzusortieren“. Und um einzuschätzen, ob und welche weitere Diagnostik wie eine Blutuntersuchung, vorzunehmen ist. Auch eine Fehlsichtigkeit sollte augenärztlich abgeklärt werden. In manchen Fällen verschwinden die Kopfschmerzen vollständig, wenn etwa eine leichte Kurzsichtigkeit durch eine Brille korrigiert wird. 

Kommen junge Patientinnen und Patienten allerdings mit einer Migräne-Attacke und zusätzlichen akuten neurologischen Ausfällen wie Sehstörungen oder einer Schwäche im Arm in die Kindernotfallambulanz, kann eine Computertomographie oder eine Kernspintomographie des Kopfes nötig sein, um einen Schlaganfall auszuschließen, wenngleich dieser im Kindes- und Jugendalter selten ist. 

Ganz gleich, ob in der Akutsituation oder beim geplanten Termin in der Kopfschmerzambulanz – immer wesentlich für die exakte Diagnose ist die detaillierte und durch Fragebögen gestützte Anamnese. Wie äußern sich die Beschwerden und wie sind sie bisher verlaufen, wie sind die Lebensumstände, sind nahe Familienmitglieder ebenfalls betroffen? 

In der Regel gibt es jedoch nicht nur einen Grund für das (wiederholte) Auftreten von Kopfschmerzen. Vielmehr spielen biologische und psychosoziale Faktoren eine Rolle – individuell in unterschiedlicher Gewichtung. Hinzu kommt die genetische Veranlagung, was bedeutet, dass manche Menschen eher zu Kopfschmerzen neigen als andere. Da man diese nicht steuern kann, ist es umso wichtiger, die anderen Faktoren zu kennen, die Kopfschmerzen mitverursachen und beeinflussbar sind.

Ein solcher Faktor ist Stress, der durch Zeitdruck und hohe Anforderungen, aber auch durch emotionale Belastung wie Traurigkeit oder Angst entsteht. Soziale Komponenten wie mangelnde Integration, Mobbing oder häufiger Streit in der Familie sind ähnlich belastend.

Dass vor allem von Spannungskopfschmerzen zunehmen, ist vermutlich auch der modernen Lebensweise geschuldet: Kinder sind häufiger im Auto als zu Fuß unterwegs, sitzen mehr – vor allem vor Bildschirmen – und bewegen sich weniger als frühere Generationen. Inwiefern Umwelteinflüsse die Häufigkeit von Kopfschmerzen beeinflussen, soll zukünftig  gemeinsam mit dem Institut für Umweltmedizin an der medizinischen Fakultät der Universität Augsburg beleuchtet werden.

Im Gespräch helfen wir den Betroffenen und den Eltern dabei, die Kopfschmerzen einzuordnen. Daraus ergeben sich auch unsere Empfehlungen: ein regelmäßiger Tagesablauf, ein ebensolcher Schlaf-Wach-Rhythmus und möglichst wenig Stress.
Neuropädiaterin Cordula Henrichs

„Im Gespräch helfen wir den Betroffenen und den Eltern dabei, die Kopfschmerzen einzuordnen. Daraus ergeben sich auch unsere Empfehlungen: ein regelmäßiger Tagesablauf, ein ebensolcher Schlaf-Wach-Rhythmus und möglichst wenig Stress,“ erklärt die Neuropädiaterin Cordula Henrichs. Weitere wichtige Punkte seien regelmäßiges Essen und ausreichendes Trinken.

Doch trotz aller Prophylaxe können die Kopfschmerzen weiterhin auftreten. Dann müssen andere therapeutische Maßnahmen ergriffen werden. Bei der Migräne ist dies eine frühzeitige und adäquate Schmerzmedikation, bei Spannungskopfschmerzen sind es primär nichtmedikamentöse Maßnahmen wie eine Ruhepause und der kühlende Lappen auf der Stirn. Nicht selten tritt gerade bei Jugendlichen ein Mischbild aus Migräne und Spannungskopfschmerzen auf. Dann hilft es, einen Kopfschmerzkalender über eine gewisse Zeit zu führen, um beide besser unterscheiden und bekämpfen zu lernen.

Bei schweren Verläufen mit chronifizierten, also sehr häufigen oder dauerhaften Kopfschmerzen bietet die Schmerzstation im Bayerischen Kinderschmerzzentrum eine multimodale stationäre Behandlung. Ein für jede und jeden individuell zusammengestellter Stundenplan beinhaltet Psycho-, Physio-, Ergo-, Kunst- und Musiktherapie. Zusätzlich helfen Biofeedback- und Entspannungstraining den Kindern und Jugendlichen dabei, ihre Schmerzen besser beeinflussen zu lernen. Damit auch bei ihnen endlich wieder „Ruhe da oben“ herrschen kann.        

Primärer oder sekundärer Kopfschmerz? Keiner gleicht dem anderen

Die beiden mit Abstand häufigsten Formen von Kopfweh bei Kindern und Jugendlichen sind Spannungskopfschmerzen und Migräne. Beide Erscheinungsformen gelten als primär, d.h. nicht durch eine andere Krankheit verursacht. Als sekundäre Kopfschmerzen bezeichnen Mediziner jene, die etwa durch eine Gehirnerschütterung oder Erkältung, Zahnbeschwerden oder Bluthochdruck ausgelöst werden. Spannungskopfschmerz macht sich durch einen dumpfen, drückenden bis ziehenden Schmerz bemerkbar. Er beginnt häufig im Nacken und breitet sich langsam über den ganzen Kopf aus. Als Auslöser gelten körperlichen Faktoren wie muskuläre Verspannungen, die durch Einflüsse wie Stress, Ängste und emotionale Probleme verstärkt werden können. Bei der Migräne spielen genetische Faktoren eine größere Rolle. Migräne-Attacken äußern sich durch starke, pulsierende, einseitige Kopfschmerzen, die durch Bewegung zunehmen und stets von Symptomen wie Licht- und Geräuschempfindlichkeit, Übelkeit oder Erbrechen begleitet werden. Migräne kann bereits im Kindesalter auftreten – je jünger die Betroffenen sind, desto mehr unterscheiden sich die Anzeichen jedoch von den typischen Symptomen im Jugendlichen- oder Erwachsenenalter.