Genetikund Epigenetik –
Mit dem Erbgut richtig umgehen
Aus Fragen lernt man oft mehr als aus einer großen Zahl von Daten. Als ich vor vielen Jahren mit meinem Professor für Pathologie im Garten im Liegestuhl lag, stellte er folgende Überlegungen an: 1. »In unserem Körper gibt es täglich mehrere hunderttausend neue Zellen. Wie ist es möglich, dass aus ihnen immer wieder die gleichen Strukturen entstehen?« (Ohr ist immer Ohr, Nase ist immer Nase usw.) ... das ist Genetik. 2. »Als Kind hatte ich viele Warzen. Meine Mutter schickte mich zu einer Frau zum Abbeten – und die Warzen verschwanden.« Nach kurzem Nachdenken fügte er fast ein wenig traurig hinzu: »Heute ginge das nicht mehr, denn ich glaube nicht mehr daran.« ... und das ist Epigenetik.
Dr. Peter Konopka
Dr. Peter Konopka promovierte an der LMU München über den Stoffwechsel des menschlichen Herzen und war an den ersten Herztransplantationen Deutschlands als Pathologe beteiligt. In Augsburg war er über 30 Jahre als internistischer Oberarzt der II. Medizinischen Klinik des Klinikums tätig. Darüber hinaus widmete er sich schon frühzeitig der Gesundheit und Prävention und gründete bereits 1976 die ersten Herzgruppen in Augsburg. Als Sportmediziner betreute er die deutsche Radnationalmannschaft bei insgesamt 16 Weltmeisterschaften und den Olympischen Spielen in München. Als Buchautor schrieb er Sachbücher über Radsport, Sporternährung, Yoga und Entspannung.
Was ist Genetik?
Die Genetik oder Vererbungslehre erforscht den Einfluss der Gene auf unseren Organismus. Dabei spielt vor allem die DNA die größte Rolle. In fast allen Krimis sehen wir, dass jeder Mensch eine eigene, für ihn typische DNA hat – und es ist völlig gleichgültig, von welcher Stelle man die DNA-Probe entnimmt; denn die DNA ist im ganzen Körper gleich. Aber wie gelingt es dem Körper, mit der immer gleichen DNA die verschiedenen Zellen, Gewebe und Organe aufzubauen. Die Erklärung liefert die relativ neue Wissenschaft der Epigenetik.
Was ist Epigenetik?
Vor über 20 Jahren hat man das Erbgut des Menschen entschlüsselt und überrascht festgestellt, dass der Mensch viel weniger Gene (ca. 22 000) hat als zum Beispiel ein Wasserfloh (ca. 36 000). Wie ist das möglich?
Bisher war man der Meinung, dass jede Eigenschaft des Menschen durch ein bestimmtes Gen bedingt sei, und deswegen hatte man beim Menschen weit über 100 000 Gene erwartet. Die Erklärung liefert die Wissenschaft der Epigenetik. Die Vorsilbe »Epi« (griechisch) bedeutet so viel wie »darauf« oder »darüber«. Die epigenetischen Systeme können »von oben« her die auf den Genen angebrachten Schaltermoleküle je nach Gebrauch und Notwendigkeit an- und abschalten. Und von diesen Gen-Schaltern gibt es ca. 20 Millionen! Durch epigenetische Regulation können die Eigenschaften freigeschaltet werden, die für eine bestimmte Beanspruchung gebraucht werden. Das eröffnet uns ungeahnte Möglichkeiten! Denn bisher war man der Meinung, dass etwa 80 – 90 % unserer Fähigkeiten durch Vererbung (Genetik) begrenzt seien. Durch die neuen Erkenntnisse der Epigenetik kommt man aber zu dem Schluss, dass das nur etwa zu 10 – 20 % der Fall ist, während 80 – 90 % unserer Fähigkeiten durch epigenetische Regulationen ermöglicht werden. Das ist auch der Grund dafür, dass der Mensch das einzige Lebewesen ist, das auf der ganzen Welt überleben kann, weil er sich durch epigenetische Regulationen an jedes Lebensumfeld anzupassen vermag – nach dem Naturgesetz: »Die Funktion erhält die Form«.
Naturgesetze der Epigenetik
Was sagt die Zwillingsforschung dazu?
Tatsächlich kann man in der Zwillingsforschung beobachten, wie sich eineiige Zwillinge mit völlig identischem Erbgut je nach Umfeld und Lebensstil ganz unterschiedlich entwickeln können. So entstehen zum Beispiel aus eineiigen Zwillingen zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten, wenn der eine Marathonlauf und der andere Gewichtheben trainiert. Durch epigenetische Regulationen fließen die Lebensumstände sozusagen durch unsere Gene hindurch und passen sie an die jeweiligen Anforderungen an.
Welche Bedeutung hat die Epigenetik für unseren Lebensstil?
In diesen neueren Erkenntnissen der Epigenetik liegt eine große Chance für Gesundheit und langes Leben: Durch einen gesundheitsfördernden Lebensstil, können wir uns der Zivilisation und unserem Lebensumfeld so anpassen, dass wir als gesündere Persönlichkeit überleben können. Dabei ist der wichtigste Faktor unser Bewusstsein. Das bedeutet, die erforschten Naturgesetze der Epigenetik in sein Leben einfließen zu lassen. Am besten fängt man mit der körperlichen Aktivität an und beginnt sich mehr zu bewegen z. B. regelmäßig eine halbe Stunde spazieren zu gehen oder einen Ausdauersport an frischer Luft zu betreiben – bis das zur Gewohnheit wird. Dadurch ordnet sich dann meist alles andere wie von selbst.
Fazit
Der Mensch hat ca. 20 000 Gene aber über 20 Millionen Schalter an ihrer Oberfläche, die es ermöglichen, sich an alle Anforderungen anzupassen. Auf diese Weise können wir mit unserem Lebensstil große Auswirkungen auf Heilung, Gesundheit und Lebensdauer erreichen.
FAQs zum Thema Genetik
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