Ganz schön verrutscht...Wie ein Thoraxmagen das Leben aus dem Gleichgewicht bringen kann
Mit zunehmendem Alter leiden manche Menschen an einem Thoraxmagen. Die Diagnose ist alles andere als trivial, weil die Symptome so vielfältig sind. Völlegefühl, anfängliches Sodbrennen, Blutarmut und Kurzatmigkeit können dazu gehören. 78 Patientinnen und Patienten mit einem Thorax- oder Upside-down-Magen operierte Dr. Bernd Geißler, leitender Oberarzt an der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations- und Thoraxchirurgie im letzten Jahr. Sie kommen aus allen Richtungen Deutschlands.
Rosa Thurnhofer konnte kaum glauben, dass ihre Beschwerden alle dieselbe Ursache hatten. Sie war kurzatmig, ständig müde und litt unter Sodbrennen. Dann kam die Diagnose: Ihr Magen war in den Brustkorb gerutscht! Ein sogenannter Thoraxmagen drückte auf Lunge und Herz – und brachte ihr Leben zunehmend aus dem Gleichgewicht. Vor einem Jahr wurde bei ihr eine Blutarmut mit erniedrigten Hämoglobinwert festgestellt. Zudem litt sie unter Sodbrennen. Ihre Hausärztin verschreibt der heute 70-Jährigen schließlich Pantoprazol, ein Mittel, das die Magensäure neutralisiert und die Symptome unterdrückt. Eine Magenspiegelung ergibt die Diagnose: Thoraxmagen. Gesicherte Erkenntnis: Sauer macht nicht lustig, sondern unwohl, abgeschlagen, kurzatmig. Frau Thurnhofer will diesem Zustand ein Ende setzen und willigt sofort in den Vorschlag ihrer Hausärztin ein: Eine Operation, bei der der Magen aus dem Brustraum zurück in den Bauchraum verlagert wird.
Ein Thoraxmagen erfordert das ganze Können gastrointestinaler Chirurgie
Rosa Thurnhofers Hausärztin recherchiert sorgfältig, wo ihre Patientin diesen Eingriff machen lassen kann. Denn der hat es in sich. Neben dem Fixieren des Magens im Bauchraum kann zusätzlich das Einsetzen eines Kunststoffnetzes notwendig werden, um das Zwerchfell zu verstärken. Manchmal muss auch die anatomische Situation an der Speiseröhre wiederhergestellt werden. Ein Eingriff, der dem Operationsteam das ganze Können gastrointestinaler Chirurgie abverlangt. Fündig wird die Hausärztin schließlich an der Uniklinik Augsburg bei Dr. Geißler. Der erfahrene Viszeralchirurg zählt laut der Zeitschrift STERN zu den zehn ausgezeichneten Ärzten Deutschlands im Bereich Zwerchfell-Chirurgie. Der 57-Jährige, seit 1995 am Universitätsklinikum Augsburg, hat in über 20 Jahren ca. 800 Patientinnen und Patienten mit Thoraxmagen operiert. Das spricht sich herum. Viele Betroffene nehmen auch eine lange Anfahrt in Kauf, um sich von ihm und seinem Team behandeln zu lassen. Empfehlungen ehemaliger Patientinnen und Patienten sowie zahlreiche positive Bewertungen auf dem Portal Sanego tragen dazu bei.
Die allermeisten Patientinnen und Patienten operieren wir minimalinvasiv oder robotisch und wir können sie nach zwei Tagen entlassen.
Ursache für einen Thoraxmagen ist ein Zwerchfellbruch, die Diagnose ist oftmals langwierig
Vom Thoraxmagen sind Frauen jenseits der 65 Jahre häufiger betroffen als Männer. In den meisten Fällen liegt ein großer Zwerchfellbruch zugrunde, was mit zunehmender Bindegewebsschwäche zusammenhängt. Dadurch gelangen Teile des Magens oder der ganze Magen durch eine natürliche Lücke im Zwerchfell in den Brustraum. „Dieser Prozess entwickelt sich meist über viele Jahre“, erklärt Geißler. „Deshalb werden die Beschwerden häufig zunächst anderen Erkrankungen zugeschrieben.“ Betroffene leiden unter Luftnot und Kurzatmigkeit, eingeschränkter Belastung und können manchmal kaum noch ein Stockwerk hochsteigen. „Oftmals entsteht zunächst die Sorge um eine Herz- oder Lungenerkrankung, weil die Symptome besser dazu passen, als zu einer Magenerkrankung und dann wird erstmal in diese Richtung untersucht.“ Etwa ein Drittel der Betroffenen entwickelt zudem eine Blutarmut. Ursache hierfür sind häufig chronische, oft unbemerkte Blutverluste durch Schleimhautschäden im Bereich des eingeklemmten Magens, wodurch es zu einem Eisenmangel kommt.
Nicht selten haben die Patientinnen und Patienten eine längere Odyssee an Arztbesuchen und Untersuchungen hinter sich. Erst wenn Luftnot, Völlegefühl, Sodbrennen oder Blutarmut zunehmen, wird die eigentliche Ursache entdeckt. Bis dahin vergehen aber bisweilen Monate oder Jahre.
So war es auch bei Hans Mair, Jahrgang 1958. Der Augsburger ist starker Raucher und leidet unter einer chronisch obstruktiven Lungenkrankheit. Im Jahr 2024 musste er sich einer Herzklappen-Operation unterziehen. Ihm ging es „nicht so schlecht“, wie der Rentner selbst sagt, aber „der Druck im Oberbauch war sehr unangenehm“. Zudem habe sein Blutdruck angefangen „zu spinnen“, weil der Magen aufs Herz drückte. Die Kurzatmigkeit habe er aufs Rauchen und das Herz geschoben. Erst bei einer routinemäßigen Herz-Untersuchung sei der Zufallsbefund eines Thoraxmagens ans Licht gekommen.
Mair ist kein typischer Patient. Rund 70 Prozent der Betroffenen sind nämlich Frauen. Als mögliche Ursache gilt unter anderem die altersbedingte Veränderung des Bindegewebes, die durch hormonelle Faktoren beeinflusst wird. „Wirklich ungewöhnlich ist ein männlicher Thoraxmagen-Patient aber auch nicht“, sagt Geißler.
Nicht immer ist der Thoraxmagen schuld an Sodbrennen und Völlegefühl. Auch der sogenannten Refluxkrankheit liegen Bindegewebsschwäche und Zwerchfellbruch zugrunde. Sie betrifft jedoch eher Männer und im Vergleich zu Menschen mit Thoraxmagen sind sie deutlich jünger und die Zwerchfellbrüche kleiner.
Lebensqualität um ein Vielfaches nach dem Eingriff verbessert
Zurück zum Thoraxmagen. Sowohl Rosa Thurnhofer als auch Hans Mair sind froh, den Eingriff machen lassen zu haben. Beide sind heute frei von Beschwerden und der festen Ansicht, ihre Lebensqualität „um ein Vielfaches verbessert“ zu haben. In Mairs Fall ist das sogar mess- und nachweisbar. Vor und nach den Operationen bittet Geißler jede Patientin und jeden Patienten um das Ausfüllen eines Fragebogens mit Aspekten zu Wohlbefinden und Lebensqualität. Beantwortet man alle Fragen maximal positiv, ist eine Höchstpunktzahl von 144 möglich, der Durchschnitt in der Bevölkerung liegt bei 126. Mairs Wert lag vor der Operation bei 83 und nach dem Eingriff bei 116, was einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität entspricht. Auch Frau Thurnhofer zeigt sich freudig überrascht, wie schnell sie wieder auf den Beinen war. Geißler freilich überrascht das nicht.
„Die allermeisten Patientinnen und Patienten operieren wir minimal-invasiv oder robotisch und wir können sie nach zwei Tagen entlassen.“ Das Risiko der Operation ist überschaubar und die Zahl der behandelten Patientinnen und Patienten wächst stetig. Deshalb plant Geißler in naher Zukunft eine Studie, an der bereits zwei Doktorandinnen arbeiten. Die hohen Fallzahlen sind auch der Grund dafür, dass viele Kolleginnen und Kollegen aus anderen Krankenhäusern ins UKA zum Hospitieren kommen. „Wir freuen uns immer, wenn wir auf diese Art und Weise mit Kliniken aus der Region kooperieren können“, sagt Geißler.
Heute können sowohl Rosa Thurnhofer als auch Hans Mair wieder ohne Beschwerden ihren Alltag genießen. Die Luftnot ist verschwunden, das Völlegefühl und die Blutarmut gehören der Vergangenheit an. Für beide steht fest: Die Operation hat ihnen ein großes Stück Lebensqualität zurückgegeben.
Morgendliche Visite bei Frau Thurnhofer durch Ltd. Oberarzt Dr. Bernd Geißler, Fachärztin Dr. Carolin Merkl und Stationsleitung Jessica Hembacher.
Die Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations- und Thoraxchirurgie am Universitätsklinikum Augsburg zählt zu den größten chirurgischen Zentren Bayerisch-Schwabens. Unter der Leitung von Prof. Dr. Katharina Beyer werden dort jährlich rund 4.000 stationäre und 4.000 ambulante Patientinnen und Patienten behandelt und mehr als 4.200 Operationen durchgeführt. Rund die Hälfte der behandelten Fälle sind Notfälle – ein Zeichen für die wichtige Rolle der Klinik in der regionalen und überregionalen Akutversorgung.
Als zertifiziertes Viszeralonkologisches Zentrum ist die Klinik auf die Behandlung komplexer Tumorerkrankungen des Verdauungstrakts spezialisiert. Zu den Schwerpunkten gehören Erkrankungen der Speiseröhre, des Magens, der Bauchspeicheldrüse, der Leber und des Darms. Bei den gutartigen Erkrankungen ist eines der Spezialgebiete die Behandlung von Refluxerkrankungen und Thoraxmagen. Viele Eingriffe erfolgen minimal-invasiv oder robotergestützt mit dem DaVinci®-System.
Darüber hinaus engagiert sich das Team intensiv in Forschung und Lehre. Jährlich werden rund 1.000 Unterrichtseinheiten für Medizinstudierende angeboten.
Prof. Dr. Katharina Beyer
Direktorin Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations- und Thoraxchirurgie