Kinderradiologie

Mehr als nur ein tiefer Blick ins Körperinnere

Das Spezialzentrum im Universitätsklinikum Augsburg bietet ein breites Spektrum bildgebender Verfahren für junge Patientinnen und Patienten

Ein Knochenbruch, die Fehlbildung beim Neugeborenen, ungeklärte Schmerzen, Tumore – manche Symptome junger Patientinnen und Patienten erfordern mehr als Abtasten und Laborwerte, um Diagnose und Therapie zu ermitteln: Der Blick ins Körperinnere wird nötig. Die Augsburger Kinderradiologie ist als Spezialzentrum auf die besonderen physiologischen und psychischen Bedürfnisse von Kindern und Heranwachsenden zugeschnitten.

Denn weil Neugeborene, Säuglinge, Kleinkinder, Schulkinder und Jugendliche keine kleinen Erwachsenen sind, benötigen sie gerade bei den sogenannten bildgebenden Verfahren wie Ultraschall (Sonographie), Röntgen, Magnetresonanztomographie (MRT) und Computertomographie (CT) besondere Vorgehensweisen wie geringere Strahlendosen und eine altersgemäße Ansprache und Unterstützung. 

Die andere Anatomie, spezielle onkologische Krankheitsbilder, die nur bei Kindern vorkommen oder chronische, teils angeborene Erkrankungen müssen bei der Bildbeurteilung durch die Kinderradiologinnen und –radiologen besonders berücksichtigt werden, damit keine Anomalie übersehen oder umgekehrt ein Normalbefund als krankhafte Veränderung gedeutet wird. Knochen von Kindern – bei Babys und Kleinkindern zum Teil noch knorpelig angelegt – und Jugendlichen sehen auf Röntgenbildern ganz anders aus als die von älteren Menschen. Und nicht zuletzt müssen die Fachmediziner auch psychologisch besonders einfühlsam vorgehen: Die unbekannten Geräte in Hightech-Ausstattung und ihre Geräusche schüchtern ein, das Stillliegen ist ungewohnt und oft übertragen sich auch die spürbare Verunsicherung und Ängste der begleitenden Mütter und Väter auf ihre Kinder.

„Manchmal ist die Situation erstmal mit Stress für alle Beteiligten verbunden,“ beschreibt es Dr. Stefanie Tüchert-Knoll, die als Oberärztin in der Kinderradiologie am Universitätsklinikum Augsburg (s. Kasten) arbeitet. Die Schwerpunktbezeichnung Kinder- und Jugendradiologie hat die Fachärztin für Radiologie, die in Ulm studiert und ihre Weiterbildung in Augsburg absolviert hat, in einer 3-jährigen Zusatzausbildung erworben. 

„Für unsere jungen Patienten und ihre Eltern ist es daher sehr wichtig, dass wir nicht nur sachgerecht, sondern auch kindgerecht untersuchen.“  Das erfordere nicht nur den professionellen Blick auf die Bilder, sondern auch Fingerspitzengefühl für den Menschen.

Mit viel Einfühlungsvermögen erklärt die Ärztin Mutter und Tochter den Befund und den weiteren Behandlungsverlauf.

Das Spektrum ist breit, erzählt sie, und kein Tag wie der andere: Da kommt die aufgeweckte Eva (8) nach einer Tumorerkrankung zur Verlaufsuntersuchung – Ultraschall ist schon Routine für das Kind. „Wir suchen gemeinsam im Magen nach dem Frühstück“. Dann ein Anruf von der Intensivstation: Ein Frühchen mit 600 Gramm Gewicht hat einen auffälligen Bauch. Der notfallmäßige Ultraschall auf Station im Inkubator ergibt eine Diagnose, die eine sofortige Operation nötig macht. Als nächstes ist ein Röntgenbild bei einem Gymnasiasten (16) zu befunden, der sich beim Schulsport den Arm gebrochen hat. 

Ärztinnen und Ärzte müssen sich stets neu und individuell auf den einzelnen Fall einlassen. „Jeder von uns hat dafür seine eigene Strategie“, erklärt Dr. Tüchert-Knoll, die sich in ihrer Freizeit gern beim Chorsingen entspannt.

Für Andreas hat sie sich etwas Besonderes einfallen lassen: Er will seit neuestem Astronaut werden. Und das nicht, weil der Achtjährige bei seinem bösen Sturz über den Fahrradlenker Sterne gesehen hat. Sondern, weil er während der dem Unfall folgenden MRT-Untersuchung in der Kinderradiologie einen „Astronautenhelm“ aufgesetzt bekam und, „wie der Astronaut im Raumschiff, wo es genauso eng und laut ist wie im MRT, ganz ruhig liegen bleiben musste.“ Die Erklärung der Ärztin hat ihn überzeugt, beruhigt und die Situation erfolgreich meistern lassen.

Auch Emma (5) lässt nach anfänglicher Weigerung den Ultraschall an einer wachsenden Veränderung am Hals zu. Die Kinderradiologin hat ihr erklärt, dass sie mit warmem Ultraschallgel und einer ganz kleinen Sonde untersucht wird, die ausschaut wie ein Hockeyschläger und darum Hockeystick heißt. Das findet Emma witzig und die Angst ist vergessen. Glücklicherweise ergibt die Untersuchung eine harmlose Halszyste, wie sie immer wieder bei Kindern vorkommt.

 

Moderne Kinderradiologie...Die Verbindung von fachlicher Expertise und Spezialwissen über ein typisches Krankheitsbild beim Kind mit sozialer Kompetenz und Empathie.
Dr. Stefanie Tüchert-Knoll

Typische Szenen für Tüchert-Knoll, weil sie „zeigen, was moderne Kinderradiologie ausmacht: Die Verbindung von fachlicher Expertise und Spezialwissen über ein typisches Krankheitsbild beim Kind mit sozialer Kompetenz und Empathie.“ Dazu gehört auch eine hervorragende technische Ausstattung wie High-End-Ultraschallgeräte mit speziellen Schallköpfen für alle Altersgruppen und Körperteile, Einsatz technischer Neuerungen wie Kontrastmittel-Ultraschall und Elastographie zur Erkennung von Tumoren. Eben mehr als nur ein tiefer Blick ins Körperinnere. | IvG

Der Funktionsbereich Kinderradiologie in der Kinderklinik Augsburg | Mutter-Kind Zentrum Schwaben des Universitätsklinikums Augsburg ist der einzige Kinderradiologie-Standort in Bayerisch Schwaben. Hier wird die gesamte bildgebende Diagnostik von Neugeborenen, Säuglingen, Kleinkindern und Jugendlichen, vorgenommen: schonend und mit geringstmöglicher Strahlendosis. Daher liegt der Schwerpunkt auf strahlungsfreien Ultraschall (Sonographie)- und Magnetresonanztomographie (MRT)-Untersuchungen; daneben wird je nach Fragestellung auch Röntgen / Durchleuchtung oder Computertomographie (CT) eingesetzt. Mit diesem breiten Spektrum an Untersuchungen werden die Organe und Gewebe im Inneren des Körpers sichtbar gemacht. Ultraschallgeräte der neuesten Generation bieten die Möglichkeit, neben der herkömmlichen Sonographie und Farbdoppler-Verfahren auch die Kontrastmittel-Sonographie und Elastographie einzusetzen. Ein hochmoderner 3-Tesla-MR-Tomograph liefert mithilfe von starken Magnetfeldern sehr präzise Bilder. Neben klinischen Standarduntersuchungen kann das Gerät auch Babys im Mutterleib untersuchen. Besondere Schwerpunkte der Abteilung liegen auf der bildgebenden Diagnostik bei Früh- und Neugeborenen, der Diagnostik von urogenitalen Erkrankungen und auch kinderspezifischen Tumorerkrankungen.