Mensch & Moderne Medizin

Nuklearmedizin: Ein Fach in Bewegung

Wie die Nuklearmedizin neue Spuren erforscht und warum neben der Diagnose die Therapie eine immer größere Rolle spielt.

Sie arbeitet in einer medizinischen Nische. Und doch rückt die Nuklearmedizin am Universitätsklinikum Augsburg immer mehr ins Rampenlicht. Diagnose und Therapie lauten längst die beiden Standbeine, auf denen diese Disziplin beruht. Und ihre Anwendungsbereiche werden ständig mehr.

Eine Klarstellung gleich zu Beginn: „Nein, mit Atomwaffen haben wir wirklich nichts zu tun“, sagt Prof. Dr. Constantin Lapa schmunzelnd. Auch nicht mit gefährlicher Strahlung oder gar Gefahren für Patienten oder Mitarbeitende. Der Chefarzt kennt alle Vorurteile, die seiner Disziplin, der Nuklearmedizin, entgegengebracht werden. „Unser Fach befindet sich noch immer in einer Nische“, sagt der Direktor der Klinik für Nuklearmedizin und erster Inhaber des Lehrstuhls dieser Disziplin an der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg.

Doch in dieser Nische bewegt sich einiges. Denn das rund 60-köpfige Team des 43-Jährigen, der im Jahr 2019 von Würzburg nach Augsburg kam, erweitert ständig die Anwendungsbereiche und Einsatzmöglichkeiten zugunsten der Patienten. Aber da sind immer noch die zahlreichen Vorurteile, die dieser Disziplin anhängen – und sogar in Medizinerkreisen mitunter gepflegt werden. Für viele klingt Nuklearmedizin noch immer nach Atomenergie. „Bei uns strahlt der Patient von innen“, fasst der im Münsterland aufgewachsene Mediziner knapp zusammen. Und zieht damit eine Trennungslinie zur Radiologie. Nach der Entdeckung der Radioaktivität im Jahr 1902 machte sich auch die Medizin im Laufe der Jahre die neuen Erkenntnisse zu eigen. „Schauen die Radiologen mit ihren Methoden von außen in den Körper, so fangen wir Strahlen aus dem Körper ein“, erläutert er.

Aber was strahlt wo und warum? Die Väter der Nuklearmedizin erfanden dazu die sogenannte Tracermethode. Eine verschwindend kleine und unbedenkliche Menge eines radioaktiven Stoffes wird in den menschlichen Körper eingebracht, um dann später Signale nach außen zu senden. Da man weiß, welche Stoffe im Rahmen eines biochemischen Prozesses von welchem Organ aufgenommen werden, setzt man diese gezielt an. Jod reichert sich beispielsweise in der Schilddrüse schnell an. Mit einem sogenannten Detektor lässt sich der Vorgang darstellen. „Wir schauen uns dabei vor allem die Transporter und Rezeptoren an der Zelloberfläche an und ziehen daraus unsere Schlüsse“, erläutert Professor Lapa.

Wir kümmern uns längst nicht mehr nur um die Diagnose, sondern auch um die Therapie.
Prof. Dr. Constantin Lapa

In den Katakomben des Uniklinikums, wo die Nuklearmedizin zu Hause ist, lautet eine spannende Formel PSMA. Dieses Prostata-spezifische Membranantigen – kurz PSMA genannt– steht für einen eindrucksvollen Wandel der Nuklearmedizin. „Wir kümmern uns längst nicht mehr nur um die Diagnose, sondern auch um die Therapie,“ erläutert Lapa. Denn unter den vier Buchstaben PSMA verbirgt sich auch eine neue Behandlungsmethode. PSMA ist nämlich ein Eiweißkörper, der auf der Oberfläche von Prostatakarzinomzellen vermehrt vorhanden ist. Ihn benutzen nun die Mediziner, die gerne auch als Detektive in Weiß bezeichnet werden, um einerseits Tumore zu entdecken, um sie andererseits auch zu bekämpfen. An diesen Eiweißkörper bindende Moleküle werden mit einem radioaktiven Nuklid gekoppelt und auf den Weg zum Tumor geschickt, der dann gezielt mit der radioaktiven Strahlung behandelt wird. „So versuchen wir, die Erkrankung anzugreifen, damit die Lebensqualität zu verbessern und idealerweise auch das Leben zu verlängern,“ erläutert Lapa. Die Erfolgsquote des Verfahrens liege mittlerweile bei rund 50 bis 66 Prozent, Tendenz steigend. 

Diese Methode ist Teil der sogenannten Theranostik. Gebildet aus den Begriffen Therapie und Diagnose bezeichnet sie Verfahren, bei denen Tumorerkrankungen mit derselben biologischen Substanz sowohl sehr genau diagnostiziert als auch – unter Verwendung eines anderen Radioisotopes – therapiert werden. So kann jedem Patienten eine individuell maßgeschneiderte, sehr gut verträgliche Therapie angeboten werden. 

In diesem Zusammenhang fällt ein weiteres Schlagwort: Personalisierte Medizin. Therapien werden auf den jeweiligen Patienten zugeschnitten. Denn um Tumore aufzuspüren und später punktgenau ausschalten zu können, müssen die Ärzte immer mehr Eigenschaften finden, die die jeweilige Krebsart exklusiv besitzt. Dabei beobachten sie, dass sich Tumore ständig verändern, dass sie nicht mit jeder sogenannten Spürsubstanz zu erforschen sind.

Neu ist auch ein Verfahren, an dem Constantin Lapa und sein Team wie nur wenige Kliniken in Deutschland arbeiten: Das Kürzel FAP steht für Fibroblast Activation Protein, ein Eiweiß, das vor allem auf der Oberfläche von aktivierten Fibroblasten im sogenannten Bindegewebe vorkommt. „Ein Tumor macht sich oft das Bindegewebe zu Diensten“, erklärt Lapa. Das neue Verfahren, das in Augsburg mitentwickelt wird, soll die schädlichen Bindegewebszellen deaktivieren, um den Tumor zu verändern. „Dieses Verfahren ist für 90 Prozent aller Tumorarten anwendbar“, erläutert der begeisterte Jogger, der auch in Sachen Forschung einen langen Atem vorweisen kann. Um die Therapien weiter zu individualisieren, engagierte er soeben mit Julia Brosch-Lenz eine Physikerin, die bisher in den USA gearbeitet hat und die dieses Forschungsfeld in Augsburg weiterentwickeln wird. Zudem wird im Rahmen der Nuklearmedizin eine neue Professur installiert, deren Inhaberin oder Inhaber auch die neue Theranostik-Sprechstunde ausbauen wird. 

 

Ein Blick ins Unsichtbare: Prof. Constantin Lapa (li.) und sein Kollege begleiten eine Untersuchung in der Nuklearmedizin.

Dabei sind die Nuklearmediziner ausgesprochene Teamplayer, die in wechselnden Besetzungen Partnerschaften eingehen. Mal sind es die Urologen, mit denen sie gemeinsam Prostatakarzinome behandeln, mal die Onkologen, mal geht es um das Herz, die Demenz oder Parkinson. „Wir bieten als Querschnittsfach für fast jeden Kollegen etwas“, erläutert Constantin Lapa, der regelmäßig nach Frankfurt pendelt, wo seine Frau an der dortigen Universität als Privatdozentin und weltweit gefragte Expertin für neurogene Schluckstörungen arbeitet und wo auch der gemeinsame zehnjährige Sohn lebt. Im Rahmen eines Forschungsprojekts wird nun die Anwendung des FAP-Verfahrens bei Speiseröhrenkrebs mit dem Team um Prof. Helmut Messmann erkundet. „Und im Rahmen einer weiteren Kooperation“, so Lapa, „versuchen wir mit dem Team von Prof. Martin Trepel (II. Medizinische Klinik), die Behandlung von Blutkrebsarten zu verbessern.“

Die Zeichen stehen bei den Augsburger Nuklearmedizinern weiter auf Ausbau. Oder Anbau. Da sie nämlich einen großen Teil der von ihnen eingesetzten Medikamente selbst herstellen, was kurze Wege und geringere Kosten bedeutet, erhalten sie dank eines Anbaus weitere Räumlichkeiten, insbesondere einen Reinraum für die keimfreie Produktion der Radiopharmazeutika. „Dann sind wir wirklich gut aufgestellt“, freut sich Lapa. 

Doch weiterhin gelte es, die Mauer der Vorurteile einzureißen. So engagiert sich Constantin Lapa auch in der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin. „Bei unserer diesjährigen Jahrestagung haben wir eigens einen Patiententag eingerichtet,“ erzählt er. Die Mär von der hochgefährlichen Strahlenbelastung verweist er ins Reich der Mythen. Wie jeder Mitarbeiter trägt auch der Chef ein sogenanntes Dosimeter am weißen Kittel, das jeden Monat von einer unabhängigen Behörde ausgewertet wird und die Strahlenbelastung misst. Der Wert sei verschwindend gering. „Ich bekomme weit weniger ab“, so Lapa, „als eine Flugbegleiterin oder ein Pilot im Dienst.“