Tabuthema Beckenbodenschwäche

Wenn Frauen ständig "müssen" müssen

Tabuthema Beckenbodenschwäche: Inkontinenz und Descensus genitalis kommen ebenso häufig vor, wie sie verschwiegen werden. Dabei sind sie gut behandelbar.

Treffen sich zwei sportliche Damen mittleren Alters im Fitness-Studio. „Na, wie läufts?“ fragt die eine fröhlich. „Gut!" erwidert die andere, nicht minder vergnügt. „Aber vorher hatte ich Angst, dass etwas ganz anderes läuft…“. Mit ihren unsichtbaren Inkontinenzeinlagen bleibe nun alles trocken und mache der Sport wieder richtig Spaß. Was im Werbespot für Hygieneartikel mit leichter Hand in Szene gesetzt wird, macht vielen Frauen das Leben schwer: Senkungsbeschwerden durch Blasen- und Beckenbodenschwäche sind ein schambehaftetes Tabuthema. Dabei lassen sich Inkontinenz und Descensus genitalis, das Absenken der inneren weiblichen Genitalorgane, sehr gut behandeln.

Welche Frau kennt das nicht? Manchmal hat ein heftiger Nies- oder Lachanfall eine unangenehme Begleiterscheinung: Dabei geht unwillkürlich etwas Urin ab. „Etwa 40 Prozent aller Frauen ab 40 sind davon betroffen,“ resümiert Professor Dr. Christian Dannecker, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und des Beckenbodenzentrums im Universitätsklinikum Augsburg. Der Grund ist eine Schwäche der Beckenbodenmuskulatur.

Der Beckenboden, eine rund drei Zentimeter dicke Muskel- und Bindegewebsschicht, die den Körper nach unten hin abschließt, hat die Fähigkeit, sich reflexbedingt anzuspannen. So sorgen diese Muskeln dafür, dass man Urin und Stuhl zurückhalten und zum richtigen Zeitpunkt ausscheiden kann. Wird die Schicht im Lauf des Lebens schwächer, kann das bei Frauen zu einer Senkung der Gebärmutter oder der Vagina führen; auch die Verschlusskraft des Schließmuskelsystems am Harnröhrenausgang lässt nach (s. Kästen). „Mit zunehmendem Alter nimmt dieses Problem an Häufigkeit zu,“ so Dannecker. Mehrere Schwangerschaften und vaginale Geburten sowie die Anlage zur Bindegewebsschwäche können ebenso dazu beitragen, dass Frauen viel zu häufig „müssen“ müssen.

Wenn ein paar Tropfen Harn oder auch mehr buchstäblich in die Hose gehen, ist das nicht nur unangenehm, sondern auch schambehaftet. „Es entsteht schnell ein extremer Leidensdruck,“ erklärt der Facharzt für Frauenheilkunde. Die Folge sei häufig eine massive Einschränkung der Lebensqualität. Aus Angst, nicht immer schnellstmöglich ein WC erreichen zu können, ziehen sich die Betroffenen von Freundeskreis, sportlichen und anderen Freizeitbeschäftigungen zurück.

Dabei sei es wichtig, das Thema beim Facharzt schon bei ersten Beschwerden anzusprechen. „Denn in der Regel kann man das Problem gut therapieren. Dabei kommen konservative und/oder operative Therapien zum Einsatz,“ betont Professor Dannecker, der über eine Zertifizierung der AG Urogynäkologie und plastische Beckenbodenrekonstruktion verfügt. 

Am Universitätsklinikum Augsburg berät das ärztliche Team im Rahmen der Spezialsprechstunde des Beckenbodenzentrums der Frauenklinik ausführlich und individuell über die weitere Diagnostik und das therapeutische Vorgehen, wenn erforderlich auch unter Einbeziehung angrenzender Fachrichtungen wie Urologie oder Proktologie.
Prof. Dr. Christian Dannecker, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und des Beckenbodenzentrums

Inkontinenz – Wenn die Blase überläuft 

Belastungsinkontinenz: Wenn die Beckenbodenmuskulatur erschlafft, wird die Verschlusskraft des Schließmuskelsystems am Harnröhrenausgang so herabgesetzt, dass sie bei körperlicher Belastung dem plötzlichen Druckanstieg in der Blase nicht mehr standhalten kann: Urin geht unwillkürlich ab. Die Situationen, die dazu führen, sind vor allem Frauen nur allzu gut bekannt – wenn der schwere Wäschekorb zu schnell angehoben wird, aber auch beim Niesen, Husten, Lachen oder Trampolinspringen ist es schnell passiert. Bei der Dranginkontinenz ist die Blasenwandmuskulatur hyperaktiv oder meldet den Harndrang zu früh. Manchmal zieht sie sich übermäßig oft zusammen und löst Harndrang aus, obwohl die Blase noch gar nicht ausreichend gefüllt ist. In leichteren Fällen bestehen anfangs nur die Symptome einer „Reizblase“, man hat das Gefühl, dauernd „müssen“ zu müssen, aber der Urin kann letztlich noch gehalten werden. Wenn die Beschwerden stärker werden, nimmt der Harndrang so zu, dass er willentlich nicht mehr zu beherrschen ist und zur Inkontinenz führt. Dabei kann sich die Blase ganz oder teilweise sturzbachartig entleeren. 

Zu den konservativen Ansätzen der Belastungs-Harninkontinenz (also dem unfreiwilligen Urinverlust beim Husten, Niesen, Lachen oder beim Sport) gehört das gezielte und kontrollierte Beckenbodentraining. Dies kann unterstützt werden durch Methoden wie Biofeedback (bewusstes Anspannen der Muskulatur wird durch eine Sonde registriert und als Feedback wiedergegeben). Bleibt trotz regelmäßigen Trainings eine Besserung aus, kann in einem operativen Eingriff ein spannungsfreies Vaginalband unter die Harnröhre gelegt werden. Es unterstützt und stabilisiert das ermüdete natürliche Harnröhren-Halteband, damit sich die Harnröhre wieder verschließen und kein Urin abgehen kann.

Bei einer überaktiven Blase (häufiger Harndrang mit und ohne Inkontinenz) sollte versucht werden, die Blase „zu trainieren, voller zu werden“, indem der Abstand zwischen den Toilettengängen schrittweise verlängert wird. Bestimmte Medikamente (Anticholinergika) können dabei helfen, den Harndrang zu reduzieren.

Zum Behandlungsportfolio bei einem Deszensus gehören der Einsatz von Scheiden- und Beckenbodenplastiken und auch korrigierende Verfahren, bei denen die Gebärmutter oder das Scheidenende (z.B. nach Gebärmutterentfernung) stabilisiert werden. Dies erfolgt von der Scheide aus oder mittels mikroinvasiver (laparoskopischer) Operationstechniken.  Meist kann dabei die Gebärmutter erhalten bleiben. Ein Bauchschnitt ist also nicht erforderlich. Gelegentlich wird das geschwächte Bindegewebe durch ein Kunststoffnetz unterstützt.  Die Uniklinik Augsburg, betont Professor Dannecker, kann das „gesamte Spektrum moderner operativer Methoden mit hoher Erfolgsrate anbieten: mit und ohne Fremdmaterial, mit und ohne Organerhalt.“ 

Manche Frauen können aber mit ihren Beschwerden auch ohne Therapie leben. Und entscheiden sich in Sport und Freizeit nur für diskrete Hilfsmittel. Spezielle Inkontinenzeinlagen etwa sind oft sehr effektiv. 

Descensus genitalis – Wenn sich Gebärmutter und Scheide senken

Von einer Beckenbodensenkung (Descensus) spricht man, wenn das Genitale (Gebärmutter und Scheide) einer Frau sich abgesenkt hat. Stülpt sich die vordere Scheidenwand vor, wird dies als Blasensenkung (Zytozele) bezeichnet, bei der hinteren Scheidenwand handelt es sich um eine Rekto- oder Enterozele. Tritt die Gebärmutter vor den Scheideneingang, spricht man von einem Prolaps der Gebärmutter. Die Beschwerden können sehr unterschiedlich sein – unkontrollierter Urinabgang, Druckgefühl im Unterbauch, der Eindruck, dass ein Fremdkörper in der Scheide liegt, Kreuz- und Rückenschmerzen, eine erweiterte Vagina oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr.

Weitere Infos zu der Beckenbodensprechstunde und den weiteren Angeboten der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe finden Sie auf folgender Website: 

www.uk-augsburg.de/frauenheilkunde

In unserer TV-Sendung “Am Puls” im Mai 2025 erhalten Sie weitere spannende Informationen aus dem Gebiet der Frauenheilkunde:

www.augsburg.tv/mediathek/video/am-puls-gynaekologische-onkologie/