Diagnostische und Interventionelle Radiologie am UKA
Der Tumor an meinem Körper
Tobias stürzt zweimal auf dieselbe Stelle. Es entwickelt sich ein sogenannter Desmoid-Tumor, der schwer zu diagnostizieren und ebenso schwer zu therapieren ist. Es dauert mehrere Monate, bis der junge Mann aufgrund von Eigeninitiative und Hartnäckigkeit jemanden findet, der ihm den rettenden Tipp gibt: „Geh nach Augsburg“. An der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie wird er von Klinikdirektor Thomas Kröncke selbst behandelt – mit einer Methode, die nicht viele Ärzte beherrschen und nur wenige Krankenhäuser anbieten.
Es erwischt ihn eiskalt: Zwischen 23 Jahre jung und kerngesund und 23 Jahre jung und schwer krank liegen nur wenige Wochen. Tobias L. (Name von der Redaktion geändert, Anm.d.Red.) rutscht auf einer Treppe aus und fällt aufs Steißbein. Er flucht, humpelt kurz und hat die Sache gleich darauf vergessen. Ein paar Tage später stürzt er unglücklich auf dieselbe Stelle – und weiß intuitiv, dass die Schwellung, die er später spüren und ertasten kann, nicht durch den Sturz erklärbar ist. ‚Ein Tumor‘, schießt es ihm durch den Kopf. Der vage Gedanke – unbequem und irrational – verwirrt ihn. ‚Absurd‘, denkt Tobias, ‚man bekommt doch keinen Tumor, weil man hinfällt.‘
Tobias sucht seinen Hausarzt auf, wird nicht ernst genommen und weggeschickt: „Kein Behandlungsbedarf.“ Sechs Monate später, Tobias leidet nun täglich unter Schmerzen, wird er geröntgt. Ohne Ergebnis. Drei weitere Monate vergehen. Die klärende Bildgebung mittels Magnetresonanztomographie (MRT) ergibt schließlich die Diagnose einer Geschwulst, eines Tumors, groß wie eine Orange. Zu groß, um operiert zu werden. Auch die Entnahme einer Gewebeprobe bringt zunächst keine Klarheit darüber, um welche Art von Tumor es sich handelt. Zeit vergeht, Zeit, die den jungen Mann zermürbt.
Mit seinem unerklärlichen Anfangsverdacht soll Tobias Recht behalten. Die Geschwulst entpuppt sich als ein sogenannter Desmoid-Tumor: selten, gefährlich, schwer zu behandeln. Es beginnt eine dreijährige Odyssee von Arzt zu Arzt und Klinik zu Klinik. Er googelt viel, informiert sich selbst, sucht nach Antworten, wird Mitglied im Patientenverein sos-desmoid e.V.
Wenn es einen Menschen, noch dazu einen so jungen, so eiskalt erwischt, dann lässt einen das auch als Arzt nicht kalt.
Desmoide bilden zwar keine Metastasen, streuen also keine Tochtergeschwülste in den Körper, sind aber teils sehr aggressiv und nur schwer zu heilen. Herkömmliche Methoden wie Strahlentherapie und Operation sind wenig effektiv und verursachen oft mehr Schaden als Nutzen. Systemisch-medikamentöse Therapien, die das Tumorleiden zu heilen vermögen, sind bislang nicht verfügbar. Jährlich erkranken etwa 200 Menschen in Deutschland an einem Desmoid-Tumor.
Der Tipp, der Tobias‘ Leben rettet: „Gehen Sie an die Uniklinik Augsburg“
Aufgrund seiner Recherchen bekommt Tobias eine wissenschaftliche Studie von Prof. Afshin Gangi in die Hände. Etwa 50 Patienten mit Desmoid-Tumoren hat Gangi am Universitätskrankenhaus Straßburg mit der Kryoablation bereits behandelt, einer Methode, bei der der Tumor mit minus 40 Grad Celsius vereist wird. Sie kam in Deutschland bei Desmoid-Tumoren – anders als in den USA – bislang nicht zum Einsatz.
Tobias schreibt Prof. Gangi an: Der renommierte Radiologe der Uniklinik Straßburg in Frankreich gibt Tobias den Tipp, der ihm das Leben rettet: „Wenden Sie sich an Prof. Kröncke vom Universitätsklinikum Augsburg.“ In Augsburg werden Kryoablationen (Vereisungen) von Tumoren seit 2018 mit großem Erfolg durchgeführt. Auch Nierentumore werden bereits seit einigen Jahren mittels Vereisung erfolgreich behandelt, insbesondere bei älteren Patientinnen und Patienten, die häufig unter Vorerkrankungen leiden und für die eine große Operation zu risikoreich ist.
Prof. Dr. Thomas Kröncke, Direktor der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und wie Gangi international anerkannt, erinnert sich: „Die Krankheitsgeschichte von Tobias ist leider nicht selten. Desmoid-Tumore sind schwer zu diagnostizieren und noch schwerer zu behandeln. Auch bei Tobias konnte erst nach der zweiten Biopsie die sichere Diagnose des seltenen Weichteiltumors gestellt werden. Es vergeht dann meist nochmals viel Zeit, bis Patienten an richtiger Stelle vorgestellt werden oder wie Tobias selbst die Initiative ergreifen.“
Die Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie verfügt für hochkomplexe Eingriffe wie die Kryoablation über das modernste Hybrid-Angio-CT (HACT) in Deutschland. Gerade für die Durchführung einer Kälteverödung eines Tumors ist die Steuerung des Eingriffs von erheblicher Bedeutung. „Für sogenannte thermoablative Eingriffe wie die Kryoablation müssen in Narkose acht bis zehn Sonden durch die Haut präzise im Tumor platziert werden. Das Hybrid-Angio-CT erlaubt dabei eine millimetergenaue Positionierung. Dies erhöht die Erfolgschancen des Eingriffs und die Patientensicherheit insgesamt erheblich“, erklärt Kröncke.
Die Kälteverödung ist eine der hochspezialisierte Lokaltherapien, die am UKA angewendet werden.
Bereits seit 2018 werden Vereisungen von Tumoren hier mit großem Erfolg durchgeführt.
Maßgeschneiderte Behandlungsergebnisse auch bei schweren Erkrankungen
Die Kälteverödung ist eine der hochspezialisierten Lokaltherapien, die auch durch Expertinnen und Experten am Comprehensive Cancer Center Augsburg (CCCA) am UKA angeboten werden. „Als onkologisches Spitzenzentrum ist es Ziel des CCCA, Patientinnen und Patienten mit Tumorerkrankungen nicht nur nach den höchsten Standards der Behandlung zu versorgen, sondern auch individuelle Möglichkeiten der Therapie zu beschreiten, die besondere, an anderen Standorten in dieser Form nicht verfügbare Verfahren jenseits der üblichen Standards einschließt. So erreichen wir auch in schwierigen Konstellationen für die Betroffenen bestmögliche, maßgeschneiderte Behandlungsergebnisse“, so der Direktor des CCCA, Prof. Dr. med. Martin Trepel.
Prof. Dr. Thomas Kröncke gehört zu jenen Spezialisten am Universitätsklinikum, die sehr viel Erfahrung mit minimal-invasiven Lokaltherapien haben. Der 54-Jährige leitet die Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie seit elf Jahren und erläutert: „Bei der Kryoablation werden Thermonadeln, sogenannte Sonden, deren Spitzen auf bis zu minus 40 Grad Celsius runtergekühlt werden, von außen durch die Haut direkt in den Tumor eingeführt und vereisen ihn auf diese Art und Weise. Unter ständiger Kontrolle mithilfe computergestützter Bildgebung überprüfen wir, ob die Behandlungssonden den Tumor komplett erfasst und eine vollständige Vereisungszone – den sogenannten Eisball – geschaffen haben.“
Der Eingriff bei Tobias wird im Frühjahr vergangenes Jahr erfolgreich durchgeführt. Während der dreistündigen Intervention wird der gesamte Tumor komplett vereist. „Einer der großen Vorteile der Kryoablation ist, dass Patientinnen und Patienten sehr rasch wieder auf den Beinen sind, da trotz der Komplexität des Eingriffs zu keinem Zeitpunkt mit einem Skalpell in den Körper geschnitten werden muss. So bleiben Haut und Muskeln, aber auch Knochen in der Tiefe unverletzt, während nur der Tumor in Eis gehüllt wird“, erklärt Kröncke, der den Eingriff selbst durchführt. „Die Geschwindigkeit und Präzision der Bildgebung am HACT (Hybrid-Angio-CT) hat mich selbst überrascht“, sagt der Radiologe unmittelbar nach dem Eingriff. Und weiter: „Wir können jetzt auch komplexe Eingriffe viel flüssiger und genauer durchführen.“ Das HACT besticht nicht nur durch eine hervorragende Abstimmung von integriertem Volumen-CT und modernster Angiographie (Darstellung von Blutgefäßen mittels bildgebender Verfahren, Anm.d.Red.). „Das eröffnet uns ganz neue Wege in der Therapie von Gefäß- und Tumorerkrankungen.“
Ich konnte am Folgetag schon wieder aufstehen.
In den Tumorkonferenzen werden Therapieentscheidungen individuell im interdisziplinären Konsens festgelegt.
Der Tumor beginnt ohne große Operation bereits zu schrumpfen
Tobias kann nach nur fünf Tagen im Krankenhaus entlassen werden. Der Tennisball-große Tumor, vorher „bretthart wie ein Knochen“, ist durch die Vereisung weich geworden, so dass der junge Patient sofort nach dem Eingriff schmerzfrei ist. „Ein Zustand, den ich lange nicht mehr kannte“, sagt Tobias. Statt einer schlechten Wundheilung aufgrund tiefer Schnitte und großer Wundflächen bemerkt Tobias lediglich eine Rötung der Haut. „Ich konnte am Folgetag schon wieder aufstehen“, sagt er. Eine erste Verlaufskontrolle hat bereits gezeigt, dass der Tumor vollständig verödet werden konnte. Tobias ist „unendlich dankbar, dass sich Prof. Kröncke an meinen speziellen Fall überhaupt herangetraut und die erfolgreiche Kryoablation, die neben der Erfahrung auch eine Menge handwerkliches Geschick erfordert, durchgeführt hat.“
Krönckes Fazit zu seinem Patienten jedenfalls fällt positiv und dankbar aus: „Wenn es einen Menschen, noch dazu einen so jungen, so eiskalt erwischt, dann lässt einen das auch als Arzt nicht kalt. Aber über jeden Tumor, den wir eiskalt erwischen, freuen wir uns natürlich sehr.“
Prof. Dr. Thomas Kröncke
Direktor Diagnostische und Interventionelle Radiologie